Stadtbäume haben es schwer

Bäume haben Bedürfnisse. Und sie spüren Stress. Was bedeutet der extrem heiße, trockene Sommer für Stadtbäume? Wie kommen sie klar in dieser für sie unnatürlichen Umgebung? Können wir sie schützen? Diese Fragen beschäftigen Thomas Riehl, der bei den Servicebetrieben Neuwied (SBN) den Bereich Grünpflege leitet. 

Hitze, Schädlinge und Krankheiten strapazieren Bäume in Neuwied

Herr Riehl, wie geht es unseren Bäumen in Neuwied? 

Die Stadtbäume sind gestresst. Die extreme, langanhaltende Hitze im Sommer, dazu Dürre über Wochen, Monate – das ist für jeden Baum eine Herausforderung. Umso mehr, je weniger seiner Artgenossen er um sich hat. Wir schätzen Bäume in der Stadt, weil sie ihre Umgebung kühlen. Für die Pflanzen ist das harte Arbeit. Und die meisten von ihnen arbeiten nicht im Team, sondern stehen vereinzelt. So, wie es unsere Stadt- und Straßenplanung ermöglicht.


Wir verlangen unseren Bäumen also viel ab. Haben wir ihnen dafür die passende Umgebung geschaffen?

Die Standorte sind sehr unterschiedlich: Wir haben in Neuwied neue Alleen mit großen, gut angelegten Baumscheiben. Darin werden die noch jungen Bäume gut gedeihen, wenn sie die kritischen fünf Jahre überstanden haben. Wir behalten sie genau im Auge und lesen ihre Signale. Manchmal müssen wir feststellen, dass ein Baum nicht so gut anwächst, wie erhofft. Das kann an unvorhersehbaren Faktoren liegen, zum Beispiel Beschädigungen durch unachtsame Pkw-Fahrer; Aber es kann auch daran liegen, dass wir trotz sorgfältiger Auswahl den falschen Baum für diesen Standort gewählt haben. Die neuen Pflanzungen haben gute Bedingungen, da bin ich zuversichtlich. Bei unserem älteren Baumbestand zeigt sich leider stellenweise, dass die Baumscheiben zu klein geplant waren oder eine Art gewählt wurde, die man heute nicht mehr an eine solche Stelle pflanzen würde. Flachwurzler zum Beispiel, über deren Ausläufer dann jahrein, jahraus schwere Fahrzeuge rollen. Das hält so ein Baum nicht ewig aus. 


Die Jungen haben also bessere Entwicklungschancen. Wie können wir die Bäume dabei unterstützen, die kritische Phase zu überstehen? 

Es ist wie bei allen Lebewesen: In den ersten Lebensjahren brauchen Bäume häufiger Hilfe, benötigen eine regelmäßigere Pflege als erwachsene Bäume. Wir nutzen ein digitales Baumkataster, in dem wir die Bäume der Stadt katalogisiert haben. Über das System planen wir unsere Kontrollen und Pflegemaßnahmen, dokumentieren Vitalstatus und Beschädigungen am Baum. Bei Jungbäumen holen wir uns mindestens in den ersten drei Jahren externe Unterstützung zur Kontrolle und Pflege. Um dennoch frühzeitig Erkenntnisse über den Zustand und die Wasserversorgung der Bäume zu gewinnen, erproben wir derzeit den Einsatz von Sensoren an ausgewählten Jungbäumen. Diese messen den Feuchtigkeitsgehalt im Boden und liefern wichtige Hinweise darauf, ob eine ausreichende Wasserversorgung gewährleistet ist oder Handlungsbedarf besteht.

Ergibt sich aus den Messungen oder den regelmäßigen Kontrollen ein Unterstützungsbedarf, können entsprechende Maßnahmen wie beispielsweise eine zusätzliche Bewässerung gezielt veranlasst werden. So sammeln wir praktische Erfahrungen mit der sensorgestützten Überwachung und prüfen, inwieweit sich diese künftig sinnvoll für die nachhaltige Pflege unseres Baumbestandes einsetzen lässt.

 Das Baumkataster wurde 2006 aufgebaut und enthält mittlerweile rund 16.000  Bäume. 


Personalausweis für Bäume: Das Baumkataster in Neuwied

Eine kleine Marke am Stamm zeigt: Dieser Baum ist registriert. Im Baumkataster der Stadt Neuwied sind ca. 16.000 Bäume eingetragen. Baumart, Lebensalter, Krankheitsgeschichte, durchgeführte Maßnahmen und Kontrollintervall sind bei jedem Steckbrief hinterlegt. Mit dem Tablet lassen sich die Daten vor Ort abrufen. Neue Schäden werden dokumentiert, notwendige Maßnahmen geplant. 


Nach dem Schnitt sehen manche Bäume aus, als hätte man sie geköpft. Warum greifen Sie zu so radikalen Maßnahmen? 

Ein starker Rückschnitt sieht radikal aus, ja. Das wirkt auf den Laien, als hätten wir es uns leicht machen wollen: Einmal die Säge ansetzen, fertig. Nach solchen Schnitten bekommen wir häufig Anfragen oder Vorwürfe, dass das unnötig oder unsachgemäß sei. Dann erklären wir, warum der Schnitt in dieser Form erfolgte. 


… und warum? 

Das kommt auf den einzelnen Baum an: Gab es einen Krankheitsbefall, der sich ausbreiten könnte, kann bei frühzeitiger Erkennung ein starker Rückschnitt der betroffenen Äste den Baum langfristig retten. Das ist viel Arbeit bei ungewissem Ausgang – aber die Chance, einen Baum zu erhalten, ist es uns wert. Ein anderer Fall sind Baumarten, die an ihrem Standort nur in einer bestimmten Form stehen können. Früher pflanzte man gerne Platanen als Allee, die dort aber nur als Kopfplatanen bestehen können. Das bedeutet, der Baum wird von Beginn an auf eine eher niedrige, breite Krone getrimmt. In Engers am Rhein haben wir das zum Beispiel. Bei diesen Bäumen wird das einjährige Holz komplett entfernt. Zurück bleiben dann die bekannten knubbeligen Stämme. Den Winter über wirkt der Baum kahl, aber nach der natürlichen Ruhephase treibt er verlässlich wieder aus und bildet eine dichte, flache Krone. 


Es liegt also nicht nur am Baum, sondern auch an seiner persönlichen Geschichte? 

So kann man es sagen, ja. Wir arbeiten mit Bäumen, die vor 40, 60, 80 Jahren und noch früher gepflanzt wurden. Die haben einiges erlebt. Und manche kämpfen leider seit Jahrzehnten an Standorten, die schlicht ungeeignet sind. Heute wissen wir viel mehr darüber, wie Stadtbäume langfristig gut gedeihen. Das historische Wissen hilft uns allerdings nicht immer: Es gibt neue Herausforderungen. Der Klimawandel ist nicht weg zu leugnen und er hat direkte Auswirkungen auf bestehende Bäume und darauf, welche Bäume in der Zukunft überleben können. 


Wir hören häufig von „klimaangepassten Baumarten“. Welche sind das? 

Häufig sind es Arten, die eher aus dem Süden kommen. Sie sind auf lange Trockenperioden, auf starke Hitze und teilweise auch auf Stürme besser angepasst. Dazu zählen Hainbuche, Hopfenbuche, Gleditschie, Amberbaum und die Platane. Es gibt allerdings auch heimische Arten, die als Klimabaum gelten. Der Feldahorn zum Beispiel kommt bisher mit dem Klimawandel gut klar, und auch die Linde ist zäh. Der Vorteil heimischer klimawandelresistenter Bäume ist, dass sie auch das andere Extrem besser vertragen: Kälte, langanhaltende Nässe. 


Inwiefern ist zu viel Regen ein Problem für Bäume? 

Jeder Baum hat sein Wohlfühlklima. Der eine mag es trocken und lehmig, der andere braucht einen lockeren Boden und Begleitpflanzen, die ihn bei starker Hitze etwas kühlen. Grundsätzlich ist eher zu wenig Wasser ein Problem als zu viel.

Doch die größten Gefahren für unsere Stadtbäume ist das Zusammenspiel mehrerer Faktoren, zum Beispiel:

  1. Trockenheit und Hitze  
  2. Schäden an Wurzeln und Boden  
  3. Anfahrschäden und mechanische Beschädigungen  
  4. Schädlinge und Krankheiten  
  5. Stürme und Extremwetter  
  6. Ungeeignete Standortbedingungen  
  7. Unsachgemäße Pflege und falscher Schnitt  
  8. Streusalz und Schadstoffe  
  9. Vandalismus und sonstige menschliche Einwirkungen 

Nasse Füße sind für viele Bäume ungemütlich, aber verschmerzbar. Schädlings- oder Pilzbefall dagegen kann das Aus bedeuten. Das Schlimmste: Beide breiten sich aus, befallen weitere Bäume in der Nähe und können einen ganzen Wald – bzw. in unserem Fall eine ganze Allee – zunichte machen. 


Das klingt dramatisch. 

Ja, das ist es. Darum sind die Kontrollen so wichtig: Wir müssen diesen Befall so früh wie möglich feststellen, um eine Ausbreitung zu verhindern. Bestenfalls können wir den Baum retten, indem wir die infizierten Äste entfernen. Ob das reicht, zeigt sich meist erst nach ein-zwei Jahren. Es ist also immer eine Abwägung, ob wir den einen Baum mit aller Kraft retten wollen und dafür den gesamten Straßenbewuchs riskieren, oder ob wir den befallenen Baum im Ganzen entfernen in der Hoffnung, dass der Schädling sich noch nicht ausgebreitet hat. 



Außen hui, innen pfui: Tückische Pilze

Selbst scheinbar prächtige Bäume sind nicht sicher vor einer Pilzinfektion. Die Fachleute prüfen regelmäßig, ob der Baum Spuren einer Infektion zeigt. Einige Krankheiten sind eher im Sommer, andere eher im Winter erkennbar, wenn die Zweige kein Laub tragen. Das tückische: Ein Ast kann von außen gesund wirken, aber innen bereits von einem Pilz zerfressen sein. Dann kann eine mittelschwerere Sturmböe reichen und der Ast bricht ab. Dem wollen die Baumpfleger zuvorkommen, damit niemand verletzt wird. 


Ist die Gefahr für unsere Bäume heute größer als noch vor einigen Jahrzehnten? 

Ganz klar: Ja. Der Klimawandel hat neue Pilzarten nach Deutschland gebracht, die bestimmte Arten befallen. Das Risiko: Wenn in einer Straße nur Bäume dieser bestimmten Art stehen, hat der Pilz ein leichtes Spiel. Er kann sich schnell ausbreiten. Und der Verlust ist groß – nicht selten müssen alle Bäume in der Straße gefällt werden. Darum planen wir heute nicht für die barocke Ästhetik, die mit Monokultur in Straßen und Parks einheitliche Sichtachsen herstellen wollte. Heute mischen wir: Wenn eine neue Straße geplant oder eine alte saniert wird und wir die alten Bäume dabei nicht erhalten konnten, wählen wir mehrere Baumarten aus, die für diese Straße geeignet sind, und pflanzen sie abwechselnd. 


Was hat das mit ansteckenden Pflanzenkrankheiten zu tun? 

Wenn wir vielfältiger pflanzen, kann ein artspezifischer Pilz nicht so leicht auf den nächsten Baum überspringen. Weil der direkte Nachbar bestenfalls resistent gegen diesen Pilz ist. Und falls sich in der Zukunft herausstellt, dass eine der Baumarten langfristig nicht gut gedeiht, haben wir keinen Totalausfall. Ganz abgesehen von diesen praktischen Gründen hat sich auch die Ästhetik verändert: Das neue, naturähnlichere Bild mit mehr Vielfalt auf den Grünflächen ist sehr beliebt.


Pflanzen Sie also das, was den Menschen gerade gefällt? 

Wenn aus fachlicher Sicht nichts dagegenspricht, ja. Wobei wir nicht vergessen dürfen, dass ein heute gepflanzter Baum unser Stadtbild bestenfalls über Jahrzehnte prägen wird. Er wird sich über die Jahre verändern, nicht nur in der Größe. Bäume mit ausladender Krone würden wir nicht an Orten pflanzen, wo diese Krone sich nie entwickeln darf, weil das beispielsweise die Verkehrssicherheit einschränken würde. 


Ein Baum ist also kein modisches Accessoire für ein paar Jahre, oder gar eine Saison. 

Nein, keinesfalls! Wer nach kurzlebigen Trends pflanzt, tut sich keinen Gefallen. Das gilt auch für den heimischen Garten. Wenn ich plötzlich in allen Gärten dieselbe, für unsere Gefilde ungeeignete Baumart entdecke, frage ich mich, welcher Influencer das angerichtet hat. Glücklicherweise geht im Großen und Ganzen der Trend in der Gartengestaltung insgesamt mehr in Richtung artenreicher, langlebiger Anlagen. 


Beobachten Sie das auch bei öffentlichen Grünflächen?

Wir beobachten das nicht nur, wir treiben das bewusst voran. Flächen, die früher mehrmals im Jahr mit kurzlebigen saisonalen Gewächsen bepflanzt wurden, stellen wir sukzessive auf mehrjährige Stauden um. Das ist gut für die nützlichen Insekten, verbraucht auf lange Sicht deutlich weniger Wasser und ist pflegeleichter. Am Ende sparen wir dadurch auch Kosten – das schont den kommunalen Haushalt. Es wird so vieles teurer im Leben der Bürger, da wollen wir so gut es geht gegenhalten. Und finden auch immer mehr Nachahmer in privaten Gärten. 


… die Servicebetriebe als Trendsetter, also?

So weit würde ich nicht gehen … Es ist wohl eher Ausdruck eines zunehmenden Bewusstseins für Nachhaltigkeit. Nachhaltige Nutzung der Ressourcen und nachhaltige Investitionen. Wir können uns weder ökologisch noch finanziell leisten, die Zeichen der Zeit zu ignorieren.  


Das heißt, Sie haben bald Langeweile, weil die Beete weniger Pflege brauchen?

Das wäre schön, ich wüsste etwas mit der freien Zeit anzufangen. Aber da kommen die Bäume wieder ins Spiel: Der alte Baumbestand, den wir in Neuwied haben, ist sehr pflegeintensiv. Wenn wir nicht stumpf fällen wollen, sobald ein Baum ein wenig kränkelt, müssen wir viel Arbeitszeit investieren, um die Bäume zu erhalten. Die Arbeit hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert – durch Klimawandel, Stadtentwicklung und Digitalisierung, siehe Baumkataster – aber sie wird uns so schnell nicht ausgehen. 



Kranke Bäume melden

Sie sehen einen Straßenbaum, der Anzeichen einer Krankheit zeigt? Gar einen Ast, der abzubrechen droht? Schicken Sie uns ein Foto mit Details zum Standort und Ihren Bedenken an , dann schauen unsere Baumkontrolleure sich das an. Allerdings nur, wenn es ein städtischer Baum ist – in privaten Gärten können wir nicht helfen. Die Servicebetriebe sind für Bäume zuständig, die an öffentlichen Straßen, auf Spielplätzen und in Parks wachsen. 


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