Herr Riehl, wie geht es unseren Bäumen in Neuwied?
Die Stadtbäume sind gestresst. Die extreme, langanhaltende Hitze im Sommer, dazu Dürre über Wochen, Monate – das ist für jeden Baum eine Herausforderung. Umso mehr, je weniger seiner Artgenossen er um sich hat. Wir schätzen Bäume in der Stadt, weil sie ihre Umgebung kühlen. Für die Pflanzen ist das harte Arbeit. Und die meisten von ihnen arbeiten nicht im Team, sondern stehen vereinzelt. So, wie es unsere Stadt- und Straßenplanung ermöglicht.
Wir verlangen unseren Bäumen also viel ab. Haben wir ihnen dafür die passende Umgebung geschaffen?
Die Standorte sind sehr unterschiedlich: Wir haben in Neuwied neue Alleen mit großen, gut angelegten Baumscheiben. Darin werden die noch jungen Bäume gut gedeihen, wenn sie die kritischen fünf Jahre überstanden haben. Wir behalten sie genau im Auge und lesen ihre Signale. Manchmal müssen wir feststellen, dass ein Baum nicht so gut anwächst, wie erhofft. Das kann an unvorhersehbaren Faktoren liegen, zum Beispiel Beschädigungen durch unachtsame Pkw-Fahrer; Aber es kann auch daran liegen, dass wir trotz sorgfältiger Auswahl den falschen Baum für diesen Standort gewählt haben. Die neuen Pflanzungen haben gute Bedingungen, da bin ich zuversichtlich. Bei unserem älteren Baumbestand zeigt sich leider stellenweise, dass die Baumscheiben zu klein geplant waren oder eine Art gewählt wurde, die man heute nicht mehr an eine solche Stelle pflanzen würde. Flachwurzler zum Beispiel, über deren Ausläufer dann jahrein, jahraus schwere Fahrzeuge rollen. Das hält so ein Baum nicht ewig aus.
Die Jungen haben also bessere Entwicklungschancen. Wie können wir die Bäume dabei unterstützen, die kritische Phase zu überstehen?
Es ist wie bei allen Lebewesen: In den ersten Lebensjahren brauchen Bäume häufiger Hilfe, benötigen eine regelmäßigere Pflege als erwachsene Bäume. Wir nutzen ein digitales Baumkataster, in dem wir die Bäume der Stadt katalogisiert haben. Über das System planen wir unsere Kontrollen und Pflegemaßnahmen, dokumentieren Vitalstatus und Beschädigungen am Baum. Bei Jungbäumen holen wir uns mindestens in den ersten drei Jahren externe Unterstützung zur Kontrolle und Pflege. Um dennoch frühzeitig Erkenntnisse über den Zustand und die Wasserversorgung der Bäume zu gewinnen, erproben wir derzeit den Einsatz von Sensoren an ausgewählten Jungbäumen. Diese messen den Feuchtigkeitsgehalt im Boden und liefern wichtige Hinweise darauf, ob eine ausreichende Wasserversorgung gewährleistet ist oder Handlungsbedarf besteht.
Ergibt sich aus den Messungen oder den regelmäßigen Kontrollen ein Unterstützungsbedarf, können entsprechende Maßnahmen wie beispielsweise eine zusätzliche Bewässerung gezielt veranlasst werden. So sammeln wir praktische Erfahrungen mit der sensorgestützten Überwachung und prüfen, inwieweit sich diese künftig sinnvoll für die nachhaltige Pflege unseres Baumbestandes einsetzen lässt.
Das Baumkataster wurde 2006 aufgebaut und enthält mittlerweile rund 16.000 Bäume.